keine Insel - Die Palmersentführung 1977

Regisseur Alexander Binder zur Entstehung des Dokumentarfilms

"Keine Insel - Die Palmers Entführung 1977"

(Österreich, 2006)

Wien im Oktober 2006

1997 führten ich und eine Kollegin der Filmakademie Wien 20 Jahre nach der spektakulären Entführung von 1977 das erste Interview mit Thomas Gratt. Er war als Haupttäter zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt worden und befand sich nun wieder in Freiheit. Keiner der damals direkt Beteiligten war zuvor zu einem Interview bereit gewesen, aus Misstrauen gegenüber den Medien. Die Arbeit am Film war extrem intensiv, denn Thomas Gratt wollte bis hin zum Schneidetisch beteiligt werden und die Kontrolle behalten. Auch Reinhard Pitsch war dabei, doch es fehlte der Dritte. Das Filmprojekt wurde abgebrochen, die Kollegin ging nach Berlin.

Jahre später lernte ich per Zufall auf einem Filmset Othmar Keplinger kennen - und, da war er, der dritte Mann. Zusammen mit der Produzentin Elke Kratzer rollten wir das Projekt wieder auf.

Ich habe diesen Film gemacht, weil ich nicht verstehen konnte, wie man auf so eine Entführungsidee kommen konnte. Wie verhielt sich dieser komplett destruktive Akt zum erklärten Pazifismus von Thomas Gratt? Wie konnte man sich auf so etwas einlassen und dafür Gefängnis oder Schlimmeres riskieren? Warum werden Pazifisten militant? Welche seltsame Theorie steckte dahinter? Und warum legen manche Leute aus der Generation einen derartigen Zynismus an den Tag ? Klar sind das alles furchtbar naive Fragen aber genau diese Naivität darf man sich nicht nehmen lassen denn wissend tun reicht einfach nicht.

Wie immer in solchen Fällen ranken sich unendlich viele "Geschichten" um diesen Vorfall und all zu viele wissen all zu vieles das sich als Unsinn herausstellt wenn man die direkt betroffenen erster Hand befragt. Die Menschen in dem Film erzählen nur das was sie aus erster Hand, aus eigenem Erleben wiedergeben alleine mit der Wahrheitspflicht welche man der Geschichte schuldet, die Aussagen im Film widersprechen in keinem Punkt den Gerichtsakten es handelt sich also um in österreich nicht so beliebte "Sachverhalte".

Lieber ist einem hier, wie es scheint eine gut wiedererzählte Geschichte aus 3. Hand als die profanen Tatsachen, insofern ist dieser Film ein Horrorfilm für die Österreicher weil er mit dem Schockmoment der Wirklichkeit operiert.

Thomas Gratt ist nun tot, er nahm sich Ende März 2006 das Leben, kurz nach Beendigung der Filmarbeiten. Er sagte noch vor seinem Tod, ohne Kinder, ohne die nächste Generation, ohne zu sehen, was werden wird, hat alles keinen Sinn, da wird Revolution obsolet, weil, für wen dann das Leben riskieren.