keine Insel - Die Palmersentführung 1977

Othmar Keplinger

(* 1958 Rohrbach im Mühlviertel)

keplinger

Sein Vater ist Lehrer und Bürgermeister. Mit zehn Jahren kommt Keplinger in das Internat der Bundeserziehungsanstalt Saalfelden, damals eine Art staatliches Elitegymnasium.

Durch Kontakte mit älteren Mitschülern verbreiten sich Informationen und Neuigkeiten auf verschiedenen Gebieten mit großer Aktualität. Aus erster Hand hört man von den Studentenunruhen in Paris 68, bis dahin ungehörte Musik wie Jimi Hendrix "electric ladyland" kursieren ohne große Verzögerung, army-parkas und lange Haare gehören zum rebellischen Stil, der gepflegt wird.

Mit derartig liberaler Sozialisierung kommt Othmar Keplinger nach der Matura 1975 nach Wien und beginnt ein Studium der Theaterwissenschaft. Am dortigen Institut betätigt er sich in universitätspolitischen Belangen. Im Winter 1976 versucht er über die Türkei und Syrien in den Libanon zu kommen, um für ein Filmprojekt zu recherchieren. Ziel ist eine cinema verité-Dokumentation nach französischen Vorbildern über palästinensische Flüchtlingslager. Keplinger gerät in den eskalierenden libanesischen Bürgerkrieg. Er schafft es tatsächlich, über die syrische Grenze in ein Lager zu kommen und ist tief schockiert über die Zustände und die täglichen Angriffe der israelischen Luftwaffe.

Mit diesen Eindrucken und der Überzeugung, sich entschlossener engagieren zu müssen als nur in Universitätspolitik, kehrt Keplinger nach Wien zurück. Er engagiert sich in der Arbeitsgruppe Politische gefangene (APG), lernt Reinhard Pitsch und Thomas Gratt kennen. Er besucht die RAF-Aktivistin Waltraud Boock, die bei einem Bankraub am Wiener Stubenring verhaftet wurde, regelmäßig im Gefängnis und ist aktiv bei der Beschaffung und Verteilung von Informationsmaterial über die Situation und Anliegen der Gefangenen des bewaffneten Kampfes in der BRD.

Über die Kontaktaufnahme der Bewegung 2.Juni-Mitgtieder Inge Viett und Juliane Plambeck zu Reinhard Pitsch gelangt auch Othmar Keplinger in Kontakt zu Illegalen aus der Bewegung, die sich in Wien aufhalten. Vor die Wahl gestellt, sich vermehrt bei illegalen Aktionen der Gruppe zu betätigen, eventuell in den Untergrund zu gehen, zögert Keplinger und bleibt vorerst bei seiner legalen Existenz.

Er leistet aber Hilfstätigkeiten, besorgt Papiere, macht Kurierfahrten, Chaffeurdienste und ähnliches, ohne den genauen Zweck der Aktionen dahinter zu kennen. Außerdem deckt er als Freund von Thomas Gratt dessen Verschwinden, als Gratt abtaucht.

Er weiß aber, dass eine Aktion zur Geldbeschaffung geplant ist und weiß, als er im November 1977 von der Palmers-Entführung erfährt, wer dahinter steckt. Obwohl er ursprünglich nur Ersatzfahrer für ein nach der Entführung nach Italien zu überstellendes Auto ist, gerät er durch mehrere Zufälle in die Situation, Chauffeur für mehrere Entführer zu sein, die sich über die Schweiz nach Italien absetzen wollen.

An der schweizerisch-italienischen Grenze wird Othmar Keplinger kurz nach Thomas Gratt am 23.11.77 von Grenzpolizisten verhaftet.

Beim Prozess von 1978 wird Keplinger zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Nach viereinhalb Jahren wird er vorzeitig entlassen.

Othmar Keplinger arbeitet heute im Produktionsbereich beim Film und lebt in Wien.