keine Insel - Die Palmersentführung 1977

Reinhard Pitsch

(* 1953 in Wien)

pitsch

Reinhard Pitsch wächst in Wien und am Semmering auf. Er ist bereits in seiner wechselvollen Gymnasialzeit politisiert, geht zu teach-ins, bewegt sich in einer trotzkistischen Schülergruppe.

1971 beginnt er ein Studium der Philosophie und Geschichte. Er zieht sich bald von politischen Aktivitäten zurück, studiert zielstrebig und strebt eine akademische Laufbahn in England an.

Die beginnenden Siebziger Jahre sind die Zeit neuer Formen des Zusammenlebens wie Kommunen und Wohnungsgemeinschaften. Über eine Wohnungsgenossin in seiner WG gelangt Pitsch zu einem Kontakt zum Stuttgarter Anwaltsbüro von Klaus Croissant. Das Croissant-Büro war damals Knotenpunkt für alte Belange der Gefangenen aus dem bewaffneten Kampf, auch für Kontakte der Gefangenen zu den Aktivisten im Untergrund.

Beginnend mit diesem Kontakt beginnt sich Pitsch für die Solidarität zu den Inhaftierten zu engagieren. Dieses Engagement bringt ihn zu der Arbeitsgruppe Politische Gefangene, in der der Inhalt des bevorstehenden Russell-Tribunals für die Situation der Menschenrechte in der BRD diskutiert wird. Dort lernt er Thomas Gratt und Othmar Keplinger kennen. Pitsch ist ein paar Jahre älter als Gratt und Keplinger und weit bewanderter, was die Geschichte der Arbeiterbewegung oder politische Strategie anbelangt.

Reinhard Pitsch ist einer der Mitglieder aus der APG, die die RAF-Aktivistin Waltraud Boock, die bei einem Bankraub am Wiener Opernring verhaftet wurde, im Gefängnis besuchen und betreuen.

An einem Info-Stand der APG anlässlich des ersten Jahrestags des Todes von Ulrike Meinhof wird Pitsch von Inge Viett und Juliane Plambeck, Aktivistinnen der Bewegung 2.Juni angesprochen. Auf diesen ersten Kontakt folgen weitere Gespräche, Reinhard Pitsch vermittelt auch Treffen zwischen Thomas Gratt, Othmar Keplinger und Vertretern der Illegalen in Wien.

Nach einer Zeit gründlichen Abtastens und Überlegung vor die Wahl gestellt, in die Bewegung einzutreten und aktiv mitzuwirken, lehnt Pitsch ab. Er sieht seine Stärke eher in theoretischer Betätigung. Er ist jedoch bereit, Hilfsdienste auszuführen, in die operative Abwicklung der Entführung wird er aber nicht eingebunden.

Als Thomas Gratt und Othmar Keplinger an der schweiz-italienischen Grenze verhaftet werden, wird schnell klar, dass die Entführung einen politischen Hintergrund haben muss. Eine Reihe von Personen aus dem Bekanntenkreis von Gratt und Keplinger werden verhaftet, darunter Reinhard Pitsch. Nach tagelangen Verhören gibt Pitsch zu, von dem Vorhaben gewusst und teilweise involviert gewesen zu sein.

Beim Prozess von 1978 wird Reinhard Pitsch zu fünf Jahren Haft verurteilt. Nach drei Jahren und acht Monaten wird er vorzeitig entlassen.

Reinhard Pitsch ist heute Italien-Korrespondent der Berliner Tageszeitung Junge Welt, lebt in Wien und Florenz.